Hunderte Städte, Landkreise und andere lokale Regierungen haben laut dem Interview, das The Verge mit dem Forscher Benn Jordan geführt hat, begonnen, Verträge mit Flock Safety zu kündigen. Der Rückzug ist Teil des wachsenden überparteilichen Widerstands gegen automatische Kennzeichenlesesysteme (ALPR), und inzwischen hat er auch den Kongress erreicht.
The Verge zufolge hat Jordan kürzlich bei einer Anhörung des Unterausschusses für Kriminalität und Terrorismusbekämpfung im Justizausschuss des US-Senats ausgesagt, die sich auf Flock und andere ALPR-Systeme konzentrierte. Der republikanische Senator Josh Hawley soll das Unternehmen ebenfalls untersuchen, wobei der Umfang dieser Untersuchung nicht näher beschrieben wurde.
Unabhängig davon nannte der Moderator einen Bericht von Reuters, wonach Flock plant, seine Belegschaft um etwa 18 Prozent zu verkleinern. Das Interview lässt jedoch nicht erkennen, dass die geplanten Stellenstreichungen eine Folge der Vertragskündigungen sind.
Lokale Verträge machen Überwachung zu einem kommunalen Thema
Flock liefert Kameras und dazugehörige Software, mit denen Kennzeichen automatisch gelesen werden. Jordan, Musiker, YouTuber, Forscher und sich selbst als investigativen Journalisten bezeichnend, begann nach eigenen Angaben, sich mit dem Netzwerk zu beschäftigen, nachdem ihm Kameras in Atlanta aufgefallen waren, wo er lebt.
Sein zentraler Einwand beschränkt sich nicht auf die Technik selbst. Jordan argumentiert, dass Einwohner sich aus einem ALPR-Netz nicht individuell abmelden können und vor der Einführung nur selten direkt abstimmen dürfen. Außerdem sagt er, dass die Kosten letztlich über die Grundsteuer bei den Einwohnern landen.
Diese Struktur legt praktische Entscheidungen in die Hände der lokalen Regierungen und Strafverfolgungsbehörden. Vertragsgenehmigungen, Verlängerungen und Kündigungen können daher darüber entscheiden, ob eine Gemeinde das System weiter nutzt, während der Einfluss der Einwohner über die kommunale Politik ausgeübt wird und nicht über eine individuelle Datenschutzeinstellung.
Jordan sagt, dass der Widerstand gegen Überwachungsmaßnahmen die Beteiligung an der Kommunalpolitik erhöht hat. Er verweist auf Asheville in North Carolina, wo er glaubt, dass die Unzufriedenheit mit der Überwachungspolitik dazu beitragen könnte, dass ein neuer Bürgermeister gewählt wird. Das ist bislang seine Prognose und kein Wahlergebnis.
Außerdem beschreibt er einen Kurswechsel einer nicht namentlich genannten demokratischen Kandidatin bzw. eines nicht namentlich genannten demokratischen Kandidaten für das Gouverneursamt in Georgia. Dieser oder diese soll laut Jordan dazu aufgerufen haben, die Flock-Kameras zu entfernen, nachdem er oder sie als Bürgermeister oder Bürgermeisterin von Atlanta das Unternehmen zuvor begrüßt hatte.
Kritik geht über Flock Safety hinaus
Jordan stellt Flock nicht als einziges Unternehmen dar, das diese Art von Netzwerk aufbaut. Er nennt Axon und Motorola als Wettbewerber mit vergleichbaren Systemen und bezeichnet Flock als das leichteste Ziel, wegen seiner Sichtbarkeit und seiner kämpferischen Reaktion auf Kritik.
Laut Jordan hat Flock-CEO Garrett Langley Kritiker öffentlich als „linke Terroristen“ bezeichnet. Jordan hält diese Reaktion für ein gravierendes Kommunikationsversagen, sagt aber, dass die Menschen, die er im Unternehmen kennengelernt hat, nicht dem Eindruck entsprechen, den Online-Ausschnitte erwecken. Der Moderator von The Verge sagt, dass sich die Kommunikationsstrategie von Flock seitdem geändert habe.
Jordan beschreibt das größere Problem als Beziehung zwischen privaten Anbietern, Regierungen und Polizeibehörden. Seiner Einschätzung nach verhindert die Geheimhaltung in dieser Beziehung, dass Einwohner Überwachungsentscheidungen verstehen oder sinnvoll beeinflussen können. Diese Sorge bliebe auch dann bestehen, wenn Gemeinden Flock durch einen anderen ALPR-Anbieter ersetzen würden.
Sicherheitsforschung steht im aktuellen Streit nicht im Mittelpunkt
The Verge berichtet, dass Jordan direkt mit Flock kommuniziert, auch mit Langley, und Sicherheitslücken meldet, wenn er sie entdeckt. Die Diskussion bringt diese Befunde nicht mit einem Datenleck oder unbefugtem Zugriff in Verbindung. Im Mittelpunkt stehen stattdessen Kontrolle, Transparenz und die politische Legitimität des Einsatzes von Überwachungsinfrastruktur über lokale Verträge.
Für Einwohner ist die unmittelbare Folge eher lokal als technisch: Gemeinden überdenken ihre Vereinbarungen, der Kongress prüft die Branche, und Flock bereitet offenbar einen erheblichen Stellenabbau vor. Die Vertragskündigungen zeigen außerdem, dass Entscheidungen über den ALPR-Einsatz durch Druck auf die öffentlichen Stellen rückgängig gemacht werden können, die die Systeme kaufen.




