MI5 fordert britische Universitäten auf, Forschungsfinanzierung mit Verbindungen zu mutmaßlicher chinesischer Geheimdienst-Tarnfirma nachzuverfolgen
MI5 warnt britische Unis: Über 100 Forscher erhielten Gelder vom CGTRI mit MSS-Verbindung für KI-, Cybersecurity- und Spionage-Forschung.
Illustration mit KI erzeugt
Warnung betrifft mehr als 100 mit Großbritannien verbundene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
MI5 hat britische Universitäten davor gewarnt, dass Forschungsarbeiten von mehr als 100 mit Großbritannien verbundenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit Geldern finanziert wurden, die mit dem chinesischen Ministerium für Staatssicherheit in Verbindung stehen. Das geht aus einer Spionagewarnung des Security Service vom 30. September 2026 hervor.
Die Behörde kam zu dem Schluss, dass das China General Technology Research Institute (CGTRI), auch bekannt als China Academy of General Technology (CAGT), als Tarnfirma für das MSS agiert. MI5 zufolge besteht die Hauptaufgabe der Organisation darin, Forschung zu finanzieren, die die technischen Fähigkeiten des chinesischen Nachrichtendienstes zur Spionage verbessern kann.
Die geförderten Arbeiten sollen Bereiche wie künstliche Intelligenz, Cybersicherheit, verdeckte Kommunikationssysteme und Steganografie umfassen. Diese Forschungsfelder können sowohl der legitimen akademischen Forschung als auch nachrichtendienstlichen Zwecken dienen. Deshalb sind die Herkunft der Gelder und die vorgesehenen Empfänger entscheidend für die Risikobewertung.
MI5 wies außerdem darauf hin, dass manche Beteiligte möglicherweise nicht wussten, dass CGTRI die chinesischen Projekte unterstützte, an denen sie mitwirkten. Die Zahl von mehr als 100 bezieht sich daher auf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die an der betreffenden Forschung beteiligt waren – nicht auf Personen, denen vorgeworfen wird, wissentlich Spionage unterstützt zu haben.
Der Bericht über die MI5-Warnung nennt weder die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Universitäten noch einzelne Projekte. Auch wird kein bestimmtes Forschungsergebnis mit einer konkreten Operation des MSS in Verbindung gebracht.
MI5 beschreibt eine verschleierte Finanzierungsbeziehung
Im Mittelpunkt der Warnung steht nicht einfach die Zusammenarbeit zwischen britischen und chinesischen Forschenden. MI5 befürchtet, dass CGTRI als Zwischeninstanz zwischen den akademisch Beteiligten und dem MSS fungiert und so den letztlichen Nutznießer der Forschung verschleiern könnte.
Nach Einschätzung von MI5 leitet CGTRI Gelder in Forschungsarbeiten in China, die die Fähigkeiten des MSS unmittelbar stärken. Eine Wissenschaftlerin oder ein Wissenschaftler könnte daher über eine chinesische Institution oder ein chinesisches Projekt mitwirken, ohne die mutmaßliche nachrichtendienstliche Verbindung hinter der Finanzierung zu erkennen.
Diese Unterscheidung ist sowohl für die institutionelle Aufsicht als auch für die Verantwortung Einzelner relevant. Aus der Warnung geht nicht hervor, dass alle Beteiligten wussten, woher die Gelder stammten, ihren mutmaßlichen Zweck kannten oder einen ausländischen Nachrichtendienst unterstützen wollten.
Auch lässt sich aus der genannten Zahl nicht ablesen, wie viele britische Einrichtungen beteiligt waren. Eine einzelne Person kann an mehreren Projekten mitwirken, während an einem Projekt zahlreiche Forschende beteiligt sein können. Die verfügbaren Informationen nennen weder die Zahl der Projekte noch ermöglichen sie Rückschlüsse auf die Zahl der beteiligten Universitäten.
MI5 stufte die Aktivitäten dennoch als Spionagebedrohung für die nationale Sicherheit des Vereinigten Königreichs ein. Das ist die Einschätzung der Behörde. Die öffentlich beschriebenen Informationen belegen weder unabhängig die Verbindung von CGTRI zum MSS noch zeigen sie, wie die finanzierte Forschung in einer nachrichtendienstlichen Operation eingesetzt wurde.
Forschungsbereiche können auch nachrichtendienstlich genutzt werden
Die vier von MI5 genannten Bereiche umfassen Fähigkeiten, die sowohl für defensive als auch für offensive Operationen relevant sein können.
Forschung zu künstlicher Intelligenz könnte beispielsweise die Analyse oder Automatisierung nachrichtendienstlicher Aufgaben unterstützen. Bei Cybersicherheitsforschung kann es je nach Projekt um Schutzmaßnahmen, die Untersuchung von Schwachstellen oder offensive Techniken gehen. Verdeckte Kommunikation soll den Austausch selbst oder die daran Beteiligten verschleiern. Steganografie verbirgt Informationen in anderen Daten oder Medien.
Die Warnung von MI5 nennt jedoch keine konkreten Algorithmen, Software, Systeme, Datensätze oder technischen Ergebnisse. Sie belegt daher nicht, dass ein bestimmtes Werkzeug entwickelt, eingesetzt oder vom MSS erfolgreich genutzt wurde.
Die Warnung ist eher als Hinweis auf den Wissenstransfer und die Herkunft der Finanzierung zu verstehen denn als übliche Meldung zu einem Cybersicherheitsvorfall. Es werden weder betroffene Produktversionen genannt, die gepatcht werden müssten, noch kompromittierte Systeme oder technische Indikatoren, nach denen Netzwerkverteidiger suchen könnten.
Diese Einschränkung gilt für die öffentlich beschriebenen Informationen. Daraus lässt sich nicht schließen, dass es außerhalb der vorliegenden Darstellung der Warnung keine weiteren Hinweise oder Belege gibt.
Für Forschungseinrichtungen geht es somit unmittelbar um ein institutionelles Risiko und nicht um eine klar umrissene Kompromittierung von Software. Die Universitäten müssen klären, ob Mitarbeitende oder Projekte finanzielle oder wissenschaftliche Verbindungen zu CGTRI haben – auch wenn die Organisation unter dem Namen CAGT auftritt.
Wissenschaftliche Mitarbeit ist kein Beleg für Spionage
Die Bezeichnung „mit Großbritannien verbundene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“ ist weiter gefasst als „Beschäftigte einer bestimmten Universität“ oder „Personen einer bestimmten Staatsangehörigkeit“. In der vorliegenden Darstellung der Warnung werden weder Personen noch ihre institutionellen Zugehörigkeiten genannt.
Vor allem beweist die Mitarbeit an einem geförderten Projekt für sich genommen nicht, dass jemand von der mutmaßlichen Verbindung zum MSS wusste. MI5 räumte ausdrücklich ein, dass einigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Beteiligung von CGTRI möglicherweise nicht bekannt war.
Die genannte Zahl ist daher mit Bedacht zu verstehen: Mehr als 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wirkten an Projekten mit, die unter die Einschätzung von MI5 fallen. Sie ist keine Zahl bestätigter Geheimdienstmitarbeitender, wissentlich Beteiligter, Tatverdächtiger oder strafrechtlich verfolgter Personen.
MI5 warnte allerdings vor möglichen künftigen rechtlichen Konsequenzen. Laut der Behörde könnten Institutionen, Beschäftigte und Forschende, die einschlägige Kooperationen fortsetzen, nach dem National Security Act 2023 strafrechtlich verfolgt werden, wenn ihr Verhalten einer ausländischen Nachrichtendienststelle, die Aktivitäten mit Bezug zum Vereinigten Königreich ausführt, materielle Unterstützung leistet.
Diese Aussage ist eine Warnung von MI5 und keine Feststellung, dass eine der nicht namentlich genannten beteiligten Personen eine Straftat begangen hat. Ob ein bestimmtes Verhalten die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt, hinge von Sachverhalten ab, die in der Warnung nicht dargelegt werden.
UKCT äußerte bereits zuvor Bedenken; China weist die Vorwürfe zurück
Die Einschätzung von MI5 folgt auf eine im August 2025 veröffentlichte Studie von UK-China Transparency (UKCT). Die Denkfabrik berichtete von nachweisbaren personellen Überschneidungen zwischen CGTRI und der University of International Relations in China, die laut UKCT in ungewöhnlich enger Verbindung zum MSS stehe.
UKCT beschrieb CGTRI außerdem als auf Cybersicherheit, Fernmeldeaufklärung und KI-gestützte Fähigkeiten zur Unterstützung strategischer nationaler Ziele spezialisiert. Diese Expertise könne für Cyberangriffe nützlich sein, die Operationen ähneln, die chinesischen Regierungsstellen gegen britische Unternehmen, Universitäten, öffentliche Dienste und Infrastruktur zugeschrieben werden.
Dabei handelt es sich um die Erkenntnisse und Einschätzungen von UKCT. Die vorliegenden Informationen bestätigen weder unabhängig die mutmaßliche organisatorische Verbindung noch belegen sie, dass ein von CGTRI finanziertes akademisches Projekt einen bestimmten Cyberangriff ermöglicht hat.
Die Denkfabrik erhob zudem den Vorwurf, chinesische Studierende an britischen Universitäten seien unter Druck gesetzt worden, Kommilitoninnen und Kommilitonen zu beobachten und Diskussionen über Themen zu unterbinden, die die chinesische Regierung als sensibel erachtet. Aus der vorliegenden Darstellung geht nicht hervor, dass dieser Vorwurf mit der von MI5 thematisierten Forschungsfinanzierung zusammenhängt.
Die chinesische Botschaft im Vereinigten Königreich wies die Vorwürfe zu CGTRI als „frei erfunden und völlig aus der Luft gegriffen“ zurück. Den Austausch zwischen Hochschulen und die Forschungspartnerschaften beider Länder bezeichnete sie als freiwillig, rechtmäßig und für beide Seiten vorteilhaft.
Auch den gesonderten Vorwurf der Überwachung von Studierenden nannte die Botschaft „haltlos und absurd“. Sie forderte die britischen Nachrichtendienste auf, mit ihrer Darstellung falscher Behauptungen aufzuhören, die darauf abziele, die Zusammenarbeit in Bildung und Forschung zu beschädigen.
Universitäten sollen die Geldflüsse prüfen
MI5 empfiehlt britischen Hochschulen zunächst, alle laufenden und geplanten Kooperationen mit CGTRI zu überprüfen. Da die Organisation auch unter dem Namen CAGT bekannt ist, sollten beide Namen bei der Prüfung möglicher Verbindungen berücksichtigt werden.
Zweitens sollen die Hochschulen die ursprüngliche Finanzierungsquelle für Kooperationen mit chinesischen Einrichtungen ermitteln und klären, ob CGTRI beteiligt ist. Eine Prüfung, die sich auf die unmittelbar vertraglich beteiligte Universität oder das Labor beschränkt, reicht möglicherweise nicht aus, wenn die Finanzierung über einen weiteren Forschungspartner läuft.
Die Warnung legt den Schwerpunkt auf eine sorgfältige Prüfung, bevor die Arbeit fortgesetzt wird. Universitäten müssen feststellen, welche Projekte betroffen sind, ihre Finanzierung klären und bewerten, ob hinter einer scheinbar akademischen Partnerschaft eine nicht offengelegte Verbindung zu der von MI5 genannten Organisation besteht.
In der Praxis könnte das bedeuten, geplante Arbeiten auszusetzen oder neu zu bewerten, während die Finanzierungskette geprüft wird. MI5 fordert laut der vorliegenden Darstellung jedoch dazu auf, Kooperationen zu überprüfen und Finanzierungsquellen nachzuverfolgen; ein bestimmtes technisches Verfahren zur Behebung eines Sicherheitsvorfalls schreibt die Warnung nicht vor.
Für einzelne Forschende stellt sich dieselbe konkrete Frage: Wer finanziert letztlich das Projekt, an dem sie mitarbeiten? Die Warnung macht deutlich, dass es möglicherweise nicht mehr genügt, nur den unmittelbaren Kooperationspartner zu kennen, wenn weiter oben in der Finanzierungskette eine mutmaßlich nachrichtendienstlich verbundene Organisation steht.
Quellen
Dieser Artikel ist eine eigenständige Aufbereitung auf Basis der folgenden Quellen.




